Hallo liebe Freunde der Vogelwelt, heute hab ich eine ganz besondere Geschichte für euch. Die Geschichte von einem Geier, der in den Bergen zuHause ist. Wer von euch war schon einmal in den Bergen? Die hohen Berge sind schon etwas ganz Besonderes. Dort gibt es recht langeWinter, viel Eis und Schnee und eine kurze Sommerzeit. Die Pflanzen und die Tiere sind an diese besonderen Umstände angepasst. Etwas ganz Ungewöhnliches ist, dass… – ach, jetzt bin ich ja schon mittendrin im Erzählen. Dabei hab ich mich noch gar nicht vorgestellt: Ich bin Bartholomäus, der Bartgeier. Ihr werdet es kaum glauben, aber ich bin der größte Vogel in Europa! Von meiner Schnabelspitze bis zu meinem Schwanzende messe ich einen Meter und 15 Zentimeter! Wenn ich meine Flügel spreize, kannst du 3 Meter messen. Nimm doch mal einen Meterstab und messe meine Flügelspannweite in deiner Wohnung nach. Wenn du die Bilder anschaust, siehst du, wie du mich erkennen kannst. Meine Unterseite ist weißlich bis hellgelb oder oft rostrot getönt. Die roten Federn färben sich durch meine Schlammbäder. Dazu suche ich mir feuchte und rote Erde aus. Weil die Erde eisenhaltig ist, werden meine Brust- und Bauchfedern rostrot. Meine Oberseite ist bleigrau. Um die Augen herum habe ich starre Borsten. Die verlängern sich am Schnabel entlang bis zu einem beidseitigen Bart. Das sieht ganz schön cool aus, oder was meinst du? Wenn du mich im Flug siehst, habe ich breite spitze Flügel und einen langen keilförmigen dunklen Schwanz. So wie mein Freund Kornelius, der Kolkrabe. Was meine Ernährung betrifft, so bin ich ein Spezialist. Das bedeutet, dass mir nicht alles schmeckt. Am liebsten esse ich Knochen. Ja, du hast rich- tig gehört: Knochen! Von großen wildlebenden Säugetieren, wie dem Hirsch, der Gämse und dem Steinbock. Natürlich müssen die Knochen schon länger liegen. Ich lass sie dann aus 30 Metern, manchmal auch aus 80 Metern Höhe fallen, damit sie zerspringen. Weil ich einen dehnbaren Magen habe, kann ich recht viele Knochen oder Stücke davon schlucken. Kein Tier sonst isst Knochen. So bin ich zum Resteesser geworden. Für mich sind die Knochenteile ein gutes Essen, besser als ein Stück Fleisch. Meine Heimat sind felsige Gebiete im Hochgebirge. In meinem riesigen Revier gleite ich sogar am Vormittag oder auch bei trübem Wetter an den Steilwänden entlang, immer auf der Suche nach Futter. Ich muss nicht auf warme Sonnenstrahlen warten, so wie die Segelflieger. Diese können oft nur in der aufsteigenden Wärme segeln. So kann ich früher mit meiner Futtersuche beginnen. Manchmal erscheinen in meinem Revier andere Bartgeier. Oft sind es junge Bartgeier, vielleicht erst 1 oder 5 Jahre alt. Die wandern umher und suchen einen Partner oder ein Revier. Bei unseren Begegnungen gibt es oft gefährliche Kämpfe in der Luft. Vor allem, wenn es sich um Männchen handelt. Eines muss ich dir noch erzählen: Wir Bartgeier fliegen erst wieder seit 30 Jahren in den Bergen der Alpen umher. Die Menschen hatten vor et- wa 100 Jahren den letzten Bartgeier abgeschossen. Liebevolle Vogelschützer haben Bartgeier aus den Zoos in riesigen Vogelkäfigen zusammengebracht. Diese haben dann Junge bekommen. Die Bartgeier hat man dann wieder in den Alpen fliegen lassen. Wie man sehen kann mit großem Erfolg. Heute fliegen wieder einige Hundert Bartgeier in den Alpen. Hab ich dir eigentlich schon erzählt, wie alt ich werden könnte, wenn mich keiner abschießt oder vergiftetes Fleisch auslegt? 30 bis 40 Jahre sind keine Seltenheit. Für einen Vo- gel ist das ein stolzes Lebensalter. Oh, mir fällt noch ein, dass ich dir noch von meiner Frau erzählen muss. Mit der bin ich schon seit 16 Jahren zusammen. Unser gemeinsam gebautes Nest, auch Horst genannt, liegt mitten in einer Steilwand, wo kein Mensch hinkommt. Wir haben es in einer großen Nische mit einem Felsüberhang gebaut. Es war aber schon vorhanden. Vielleicht wurde ja schon mein Ur-Ur-Großvater in diesem Host geboren? Vielleicht hat es früher auch einem Steinadlerpaar gehört? Nun, inzwischen ist es jedenfalls unser Horst. Komm mich doch mal in den Alpen besuchen! Ich würde mich freuen, wenn ich dir begegnen würde. Du würdest aus dem Staunen bestimmt nicht herauskommen. Du würdest auch verstehen, warum uns Vogelschützer wieder in die Alpen gebracht haben.

Mit einem großen Gruß Dein Bartholomäus, der Bartgeier.

Ein Beitrag von Ralf Gramlich, Orni-Schule, Schomberg 75050 Gemmingen, Fon 07267/83 83, www.ORNISchule.de