Wie gelebtes „Wer gibt, gewinnt“ Menschen und Kontinente verschmelzen lässt.

Kaum eine Veröffentlichung kommt in diesen Tagen ohne das Thema Corona aus. Ein Virus erfasst uns alle und wirft das globale Weltgeschehen aus der Bahn. Aber es erwachsen dadurch auch großartige Verbindungen, die sich nie zuvor so ergeben hätten. Wir erleben Geschichten, die unvergesslich bleiben.

Am 1. März 2020 steigt meine Tochter Julia in ein Flugzeug, das sie über Mumbai nach Goa bringt. Sie möchte zwei Monate in Indien verbringen, sich mit Yoga, Meditation und Ayurveda zusätzliche Impulse für ihre Arbeit als Erzieherin aneignen. Nach Aufenthalten in Südafrika, Sportaustausch-Projekten in Botswana und Benin, soll der indischen Kontinent ihren Horizont in neuer Art bereichern. Nach wenigen Tagen vor Ort nimmt Julia das Angebot des Hostelbetreibers an, intensivere Studien gemeinsam mit ihm und seiner Familie zu machen. Sie verlassen Goa und wechseln in seine Heimatstadt Gandidham, das etwa 1000 km nordwestlich in der Region Gujarat liegt. Da sie die Reise mit dem Zug antreten, reist Julia mit kleinem Gepäck. Drei T-Shirts, zwei Hosen, etwas Unterwäsche, Laptop, Handy und einen Rucksack nimmt sie mit, der Rest verbleibt im Hostel. Der Plan sieht vor, nach zehn Tagen wieder dorthin zurückzukehren.

Zu dieser Zeit rückt bei uns die Schließung von Schulen, Geschäften und die folgende Ausgangsbeschränkung in den Fokus. Ich stehe in regelmäßigem Kontakt mit meiner Tochter, die Stimmung in Indien ist entspannt. Das Thema Corona kommt nicht vor. Julia taucht ein in das Leben des Inders und seiner Familie. Sie trägt indische Kleidung, verlässt nur gemeinsam mit Rajesh das Haus, praktiziert Meditationen frühmorgens und am Abend.

Im Laufe des 19. März ändert sich alles. Die indische Regierung kündigt den Lock Down an, unsere bringt das Rückholprogramm für weltweit gestrandete Deutsche an die Öffentlichkeit. Julia versucht von Indien aus, sich dort zu registrieren. Die Webseiten sind völlig überlastet, ebenso die Seiten und Telefonnummern der deutschen Botschaft in Mumbai, Delhi und die der einzelnen Konsulate. Parallel versuche ich von zuhause aus, sie anzumelden. Ich hoffe auf den Zeitunterschied und logge mich nach Indienzeit um Mitternacht ein – erfolglos. Meist gelingen nur einige wenige Angaben, bevor die Verbindung zur Seite abbricht. Nie ist dabei sicher, ob die Registrierung abgeschlossen und Julia erfasst ist. Stunde um Stunde spitzt sich die Situation zu. Tags darauf heißt es, es gilt absolute Ausgangssperre in Indien. Rajesh und Julia dürfen das Haus nicht mehr verlassen, geschweige denn die Rückreise mit Zug oder Auto nach Goa antreten.

Im Laufe dieses Mittwochnachmittags zermartere ich mir den Kopf, wie ich meiner Tochter Hilfe zukommen lassen kann. Ich öffne BNI Connect und scrolle über das Verzeichnis der indischen BNI Teams, vorrangig in Mumbai, denn zunächst halten wir an dem Plan fest, dass Julia von dort aus nach München fliegt. Ich entdecke den Namen Abhijit Chalke. Er ist Inhaber von Parivaar India Tours und ich bin sofort überzeugt, dass er uns weiterhelfen wird. Wie er mir später erklärt, hat er sich mit seinem Reiseunternehmen darauf spezialisiert, hauptsächlich französischen Touristen sein Heimatland näher zu bringen. Sein zukünftiges Ziel ist es, auch deutsche Reisende für sein Angebot zu begeistern.

Es dauert kaum eine halbe Stunde, schon blinkt der Curser und zeigt den Eingang seiner Antwort via E-Mail an. Ich schildere die Lage und dass ich mir ernsthaft Sorgen um meine Tochter mache. Umgehend nimmt er Kontakt via Whats App zu Julia und Rajesh auf. Zunächst planen sie, dass Julia von einem Arzt ein Attest erhält, um zu beweisen, dass sie gesund ist, wenn sich Rajesh mit ihr doch trotz aller Verbote auf die Fahrt macht. Dies verwerfen sie kurz darauf, weil mittlerweile die indischen Bundesstaaten untereinander die Grenzen geschlossen haben. Es ist zu gefährlich, sich auf eigene Faust aufzumachen. Weitere nervenaufreibende Stunden vergehen, ohne dass wir wissen, wie meine Tochter sicher an den Flughafen gelangt. Inzwischenlaufen die Hilfsaktionen der deutschen Botschaft in Delhi auf Hochtouren.

Über Instagram und die Webseite verfolgen wir kontinentübergreifend die nächsten Schritte. Zwei Tage später heißt es schlagartig, dass alle Deutschen innerhalb von 16 Stunden eigenständig nach Delhi kommen müssen. Nur von dort aus würden die Lufthansaflüge in die Heimat starten. Abhijit und Rajesh entscheiden, für Julia einen letzten Versuch zu unternehmen. Der muss klappen, denn ansonsten wird es keine Möglichkeit mehr geben, wegzukommen. Und niemand kann sagen, wie lange sie dann festsitzen wird. 20 Autominuten weg, gibt einen kleinen Militärflughafen, von dem aus Maschinen in das eine Flugstunde entlegene Ahmedabad abfliegen. Von dort aus besteht die Chance, einen innerindischen Flug in das 900 km entfernte Delhi zu bekommen. Am Montagabend hält meine Tochter zwei Tickets auf ihrem Handy bereit, einige Stunden später bringt sie Rajesh mit dem Auto an den Flughafen. Endlich hat sie auch die E-Mail der Botschaft mit dem Passierschein erreicht, der den indischen Behörden und am Check-in Schalter vorgelegt werden muss. Gegen 10.00 Uhr Ortszeit sitzt sie auf ihrem Platz in der kleinen Maschine. Bis zum letzten Augenblick steht sie in Handykontakt mit Abhijit und Rajesh, die mir immer wieder versichern, dass alles gutgehen wird. Abhijit bietet an, dass er im Notfall in Delhi Kontakte habe, an die sich Julia wenden könne, wenn sie doch in Schwierigkeiten käme. Mir bleibt dabei nichts anderes übrig, dem Satz zu vertrauen, den ich am Ende seiner E-Mail lese: „Fortunately the warmth is in Indian Blood. As we say “ATITHI DEVO BHAVA” meaning “Guests are GOD.“

Am Abend landet Julia planmäßig auf dem Indira Gandhi Airport in Delhi. Es sind die letzten Flüge, die starten und landen dürfen, bevor der Flugplatz komplett geschlossen wird. Am Flughafen warten Angestellte der deutschen Botschaft und bringen sie und weitere andere in ein nahegelegenes Hotel. Der erste Rückholflug mit Ziel Frankfurt startet in der Nacht darauf. In dieser Maschine sind schon alle 500 Plätze vergeben aber meine Tochter wird am Freitag, 26. März, fast genau vier Wochen nach ihrer Ankunft in Indien, um 2.00 Uhr Ortszeit in einen Airbus der Lufthansa steigen. Sie landet wohlbehalten am frühen Morgen in Frankfurt.

Aus tiefstem Herzen danke ich Abhijit Chalke für seine Unterstützung in dieser schwierigen und emotionalen Situation. Leider ist es auf absehbare Zeit nicht möglich, sich persönlich und vor Ort zu bedanken. Lieber Abhijit, ich wünsche Dir, dass Du gesund bleibst und Du Dein Business schon bald wieder erfolgreich aufnehmen kannst.

Namaste to Mumbai and to all the people who were involved helping my daughter to come back home!

 

Sonja Lehmann

BNI Südbayern, Team Opal

 

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