Eigentlich sind es 3 Geschichten. Einerseits sehr ähnlich, andererseits könnten sie nicht unterschiedlicher sein. Was alle drei Kinder an Gefühlen gleichermaßen mit sich brachten, waren innige Liebe und Zuneigung, jede Menge Ängste und Sorgen, Unsicherheit, schlaflose Nächte, tränende Augen – mal vor Lachen, mal vor Weinen. Und immer die Gewissheit, dass das wohl nie aufhören wird. Denn es ist egal, wie alt das Kind ist, es ist immer „das eigene“ Kind. Die Gefühle hören nicht einfach so mit 18 Jahren auf. Und das ist auch gut so.

Als meine älteste Tochter vor fast 17 Jahren geboren wurde, geschah dieses große Ereignis, so wie es sich gehört, im Krankenhaus. Nach einer gefühlt ewigen Geburt und dem Entsetzen, was mit mir geschah, überströmten mich Gefühle wie Stolz, Erschöpfung, Glück, Schmerz –und das alles gleichzeitig. Ich kann mich erinnern, dass ich zunächst in meinem Bett lag und meine Tochter in dem ihren neben mir. Ich schaute sie einfach nur an. Als die Schwester vorbeikam, die mich zum Stillen aufforderte, fragte ich sie (ernsthaft), ob ich die Kleine einfach so rausnehmen darf. Ich konnte nicht verstehen, dass das kleine schlafende Bündel mein eigenes war. Also nahm ich sie in meinen Arm und schaute sie weiterhin stundenlang an. Was für ein schönes Gefühl – und welche Gedanken mir durch den Kopf schwirrten, denn noch hatte ich eigentlich keine Vorstellung davon, was mich erwarten würde. Da es mir im Krankenhaus mit all der Hektik und den Zeitplänen gar nicht gefiel, entließ ich uns am nächsten Tag. Daheim hatte ich die Ruhe sie zu stillen, wann immer ich es für richtig hielt und nicht nach dem Klinikzeitplan. Wir wuchsen in unsere Aufgaben rein, und es waren so viele! Es war alles so unperfekt und chaotisch, doch folgten wir einfach unserem Bauchgefühl und überstanden es – und unsere Tochter auch ☺

Nur 14 Jahre später kamen der Sinneswandel und der sehnliche Wunsch noch ein Baby zu bekommen. Das einst so kleine Bündel war zu einem Teenager herangereift und ich stellte mit Erschrecken fest, wie schnell so ein Leben an einem vorbeizog. Die Gefühle, die ich mir früher mal so ausgemalt hatte, was ich machen würde, wenn sie groß sein wird, waren plötzlich andere. Da war keine Freude auf Freiheit, das „eigene“ Leben, mal endlich alleine mit Mann in den Urlaub zu fahren. Es machte traurig zu wissen, dass gemeinsame Urlaube der Vergangenheit angehören würden. Es waren Gefühle, welche vor allem aus Bedauern bestanden. Ich war noch nicht „fertig“ als Mutter und wollte all dies nochmal erleben.

ie 2. Schwangerschaft verging wie im Flug. Der Entschluss, ambulant zu entbinden, war im Nachhinein, auch trotz kurzem Krankenhausaufenthalt, noch zu lang. Doch als das geschafft war, hatten wir eine wunderbare erste Woche daheim in vertrauter Umgebung, in der wir als Familie füreinander da waren. Seelenruhig konnten wir miteinander unseren Neuankömmling betrachten, genießen, uns kennenlernen und auf das „nochmal“ einstimmen. Unsere Tochter machte es uns leider nicht ganz so einfach. Es war eigentlich völlig egal, was wir machten, Autofahren, Kinderwagen, Wippe, … nichts gefiel Fräulein Räubertochter. Die anfänglichen Glücksgefühle kippten schnell….eine Mischung aus Enttäuschung, noch mehr Unsicherheit, dem Gefühl fast ohnmächtig zu sein, Verzweiflung, Wut, Erschöpfung…die Liste wurde immer länger. 

Und immer wieder dieselben Fragen: Warum? Was stimmte nicht? Lag es an uns, an mir, am Stress, am Geburtstrauma? Tatsächlich wissen wir es bis heute nicht. Körperlich war alles in bester Ordnung, sie war einfach nur unzufrieden, vermutlich mit der Gesamtsituation. Je älter sie wurde und je mehr sie konnte, umso zufriedener wurde sie auch. Sie wollte etwas sehen, sich selbstständig bewegen, alles alleine können. Heute ist sie zwei Jahre alt und ein wahrer Wirbelwind. Und heute verstehen wir sie auch besser, denn es ist ihr lebhafter Charakter. 

Und es hinderte uns vor allem an einem nicht: Ihr ein Geschwisterchen schenken zu wollen. Der Wunsch nach einer kinderreichen Familie nahm stetig zu und so begann die 3. Schwangerschaft.

Diese konnte ich zum ersten Mal genießen, irgendwie war alles gleich, irgendwie aber auch nicht. Unerklärbar. Ich suchte sofort nach einer Hebamme, die ich zuvor noch nie hatte, denn ich wusste, es muss eine Hausgeburt werden. Nie wieder Krankenhaus.

Es war die beste Entscheidung überhaupt. Während der Schwangerschaft wurde ich bestens betreut. Zudem war ich fast schon tiefenentspannt, da ich wusste, dass wir unseren neuen Erdenbürger völlig sicher und vertraut in unseren eigenen vier Wänden begrüßen würden. Wir freuten uns so darauf. Und tatsächlich war diese Geburt ein sehr schönes Ereignis. Der Moment, als unser kleiner Junge zur Welt kam – und vor allem die Stunden danach, es konnte nicht friedvoller beginnen. Kein Trubel, keine Hektik, der Beginn eines Stück Glücks. Und so machten wir daheim einfach das, was das Naheliegende war: Wir schliefen erstmal aus. 

Natürlich kam nach der ersten Zeit der Glückseligkeit auch der kleine Schock, wenn man wieder daran erinnert wird, dass auch Waschmaschinen heiß laufen können und Essen nur noch der Nahrungsaufnahme dient. Doch die Gefühle dazu haben sich geändert. Wir wissen, dass diese überaus kraftzehrende Zeit endlich ist. Dass das gefühlt 24h-Stillen bald einen Rhythmus haben wird und auch die Wäschekörbe weniger werden. Wir wissen, wie schnell es gehen wird, wenn der Kleine dann auch trocken sein wird, mit uns am Tisch sitzt und das Essen für sich entdeckt. Und wenn wir alle gemeinsam da so sitzen und ich in die Runde schaue, meine Große betrachte, die so mithilft,  dass sie für ihre Schwester wie eine zweite Mutti ist, die Kleine sehe, die sich selbstständig mit ihrem Tellerchen macht und das kleine Neugeborene dabei in meinem Arm halte, so wird mir klar, dass wir noch jede Menge unzähliger Stunden haben werden, die anstrengender nicht sein könnten. Dass wir vor lauter Müdigkeit nicht mehr wissen, wie wir das Schlafdefizit je aufholen sollen und uns oft fragen, wie diese Mahlzeit wohl warm schmecken würde. Doch schnell genug wird uns der Alltag und die Arbeit in Beschlag haben und nach den ersten Zähnen, überstandenen Pocken und der ersten 4 in Mathe, kommt auch irgendwann die ruhige Zeit. Hoffentlich nicht zu schnell. Denn das Gefühl, dass all das beschreibt heißt: Dankbarkeit.

Ein Beitrag von Annette Sembach