Was sind eigentlich besondere Kinder? Jedes Kind für sich ist einzigartig und besonders – aber es gibt auch Kinder, die aufgrund einer körperlichen oder geistigen Einschränkung besonders viel Aufmerksamkeit und Zuwendung von Eltern und Angehörigen benötigen. Neben dem alltäglichen Unterstützungsbedarf der Kinder in allen Lebensbereichen kommen in vielen Fällen zahlreiche Krankenhausaufenthalte oder Arztbesuche hinzu, sowie viele verschiedene Therapien, um die Entwicklung des Kindes bestmöglich zu fördern – was natürlich auch eine große Herausforderung an Eltern, Geschwister und Angehörige darstellt. Dennoch macht sich der Aufwand bezahlt, da durch intensive therapeutische Betreuung große Fortschritte möglich sind.

Gerade durch Ergotherapie, die ihre Klienten ganzheitlich behandelt, können durch gezieltes Training wichtige Alltagskompetenzen erworben und verbessert werden, sodass eine größtmögliche Selbstständigkeit erreicht werden kann. Ergänzend dazu kann tiergestützte Ergotherapie eingesetzt werden, um den positiven Entwicklungsprozess zu unterstützen.

Was die Ergotherapie und die tiergestützte Ergotherapie bei besonderen Kindern bewirken kann, möchte ich an folgendem Beispiel aufzeigen: Marvin kam vor einiger Zeit im Alter von 15 Jahren zu mir in die Reittherapie. Mit zweieinhalb Jahren stürzte er im Wohnzimmer auf den Hinterkopf, wodurch er ein Schädelhirntrauma erlitt und sechs Wochen im Koma lag. Heute ist er geistig behindert und hat eine spastische Lähmung im linken Arm, wodurch seine Motorik hier stark eingeschränkt ist. Nach einem einjährigen Krankenhaus- und Reha-Aufenthalt, in dem er unter anderem intensiv ergotherapeutisch betreut wurde, lernte er allmählich wieder das Sprechen, Essen, Greifen und Laufen – was laut seiner Ärzte alles nicht mehr möglich gewesen wäre. Nach jahrelanger und konsequenter Ergotherapie habe ich bei ihm die Therapie durch Hund und Pferd ergänzt. Zu Beginn der Therapie habe ich das Pferd mit Marvin zusammen geputzt, wobei er auch seinen linken Arm zum Einsatz bringen musste. Dadurch konnte die Kraft- und Druckdosierung seines Armes und seiner Hand geschult und Bewegungsabläufe beübt und verbessert werden. Im zweiten Schritt habe ich mit der Therapie auf dem Pferderücken begonnen. Pferde bewegen sich dreidimensional – also nach vorne, hinten, oben, unten, links und rechts – , wobei die Schrittbewegung des Pferdes der Laufbewegung des Menschen entspricht.

Sitzt der Patient also auf dem Pferderücken, kann dadurch sein Gleichgewicht und sein Gangbild geschult werden. Zusätzlich habe ich mit ihm einige Gleichgewichtsübungen auf dem Pferd gemacht, wodurch er eine aufrechtere Haltung einnahm. Außerdem kommt des durch die Pferdebewegung automatisch zu einer An- und Entspannung der Muskulatur, sodass dadurch ein physiologischer Muskeltonus erreicht werden kann. Insgesamt konnte ich bei Marvin gut beobachten, dass er durch die Therapie ruhiger und entspannter wurde, sich seine Aussprache verbesserte und er sichtlichen Spaß dabei hatte – und seine Mutter zugleich eine halbe Stunde „Pause“. Darüber hinaus wurde sein Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl gestärkt, da das Pferd den Auftrag ausführte, welcher Marvin ihm gegeben hatte. Insgesamt kann durch tiergestützte Therapie einiges erreicht werden: Neben Gleichgewicht und Motorik können auch Selbstwirksamkeit, Selbstwahrnehmung, Nähe-Distanz-Verhalten sowie kognitive Leistungen, wie Konzentration, Ausdauer und Aufmerksamkeit, trainiert werden. Ein weiterer positiver Effekt ist die körperliche Entspannung und Spaß im Kontakt mit dem Pferd. Die Kombination der Ergotherapie mit der tiergestützten Therapie ermöglicht also nochmals einen ganz anderen ganzheitlichen Ansatz der Therapie, welcher positive Auswirkungen auf Körper, Geist und Seele des Klienten hat. Die tiergestützte Therapie ist eine Privatleistung und kann nicht über das Rezept abgerechnet werden.

Ein Beitrag von Nadine Doebelin & Claudia Schütz, Deine Ergopraxis Doebelin, Hornstr. 27 Bad Wimpfen, Tel. 07063/266033