Grenzen überwinden – Du kannst mehr als du denkst

„Moin, moin“ begrüßt die Frau mit dem blonden Pferdeschwanz an diesem Abend die zahlreichen Gäste in der Heilbronner experimenta, die voller Erwartungen sind. Spätestens jetzt wissen alle, woher sie stammt: nämlich aus dem hohen Norden, aus Schleswig-Holstein. Den weiten Weg hat sie auf sich genommen, um in ihrem Vortrag: „Grenzen überwinden – du kannst mehr als du denkt“ über ihr Schicksal zu berichten. Denn Kirsten Bruhn ist seit 25 Jahren inkomplett querschnittsgelähmt. Sie wuchs als jüngster Spross einer 7-köpfigen Schwimmerfamilie auf und kämpfte immer damit, die Kleinste zu sein. Ob bei den Matheaufgaben, den Fremdsprachen – ständig hinkte sie ihren Geschwistern hinterher. Bis sie eines Tages entdeckte: beim Schwimmen hänge ich sie alle ab! Fortan trainierte sie tagtäglich über Stunden, während sich ihre Klassenkameraden zum Spielen trafen. „Es war mein Wunsch zu schwimmen. Ich vermisste nichts“, erzählt die charismatische Schwimmerin, die von ihrem Vater Manfred Bruhn trainiert wurde. Im Jahr 1990 legte sie über Umwege – „Kirsten und Schule: Zwei Welten begegneten sich“ – ihr Fachabitur ab mit dem Wunsch, Medizin zu studieren. „Mein Ziel war es immer, Menschen zu helfen!“ Um die Wartezeit zu überbrücken ging sie als Au-pair nach Amerika, wo sie die drei Kinder einer Anwaltsfamilie zur Obhut hatte. „Das war für mich eine extrem schwierige Zeit. Zum einen weil ich noch nie länger von zu Hause weg war und zum anderen, weil das mittlere Kind mit fünf Jahren schwer erkrankte“, erinnert sich Kirsten Bruhn, die von diesem Zeitpunkt an rund um die Uhr für die beiden anderen Kinder da sein musste. Bis sie eines Tages über ein Telegramm die Hiobsbotschaft erhielt, bei ihrem Bruder müsse mit Anfang 20 eine Herztransplantation durchgeführt werden. Diese Nachricht erschütterte sie gänzlich, schien bis dahin alles in bester Ordnung. Es folgte die Abreise nach Deutschland und ein langer, mühsamer Weg der Genesung ihres Bruders. „Auch wenn ich nicht viel machen konnte- ich saß an seinem Bett ohne viel zu reden und war einfach nur für ihn da“, erinnert sich die junge Frau mit Tränen in den Augen. Die vielen und langen Besuche im Krankenhaus brachten sie schließlich dazu, den Traum eines Medizinstudiums aufzugeben. „In dieser Zeit musste ich bitter erkennen, dass auch die Medizin nicht immer helfen kann und an ihre Grenzen stößt. Dafür hatte ich zu viele kleine Kindersärge gesehen!“ Also entschied sie sich für ein Grafikstudium, das im Herbst 1991 beginnen sollte. Davor wollte sie jedoch noch mit ihrem damaligen Freund ausgiebig Urlaub auf der griechischen Insel Kos machen.

Sie verbrachten dort entspannte Tage am Strand. „Ich bin ein absoluter Sonnenmensch und genieße es, am Strand zu liegen. Als mein damaliger Freund eine Motorradtour vorschlug, sagte meine innere Stimme Nein! Leider hörte ich nicht darauf!“ Am letzten Urlaubstag passierte das Unglück: ein vollbesetzter Jeep kam dem jungen Paar mittig auf der Straße entgegen und drängte das Motorrad ab. Beide stürzten und Kirsten Bruhn war nicht mehr in der Lage, aufzustehen. Es dauerte Stunden, bis sie notdürftig in ein „Krankenhaus“ gebracht wurde, um festzustellen, dass es notwendig war, die junge Frau mit ihren schweren Verletzungen nach Deutschland zu fliegen. Immer noch wurde sie vom Pech verfolgt. Der erste Rettungsflieger konnte nicht starten, da die Vorderachse defekt war. Und wieder folgten Zeiten des Wartens, ohne dass etwas passierte. „Ich war mittlerweile wie im Delirium vor lauter Valium gegen die Schmerzen!“ Als sie schließlich auf der Intensivstation in München wach wurde, sind die erste Worte, die ihr der operierende Arzt gefühllos an den Kopf warf: „Frau Bruhn, das mit dem Laufen können Sie vergessen!“ Die geschockte junge Frau schaut aus dem Fenster in die Wolken und hat nur noch einen Wunsch: „Da möchte ich hin!“ Es folgte eine siebenmonatige Rehaaufenthalt, bei dem sie auf einen 14-jährigen Jungen traf, der von der Halswirbelsäule komplett gelähmt war und sie schöpfte erstmalig wieder Mut. Schließlich konnte sie ihren Oberkörper sowie die vordere Oberschenkelmuskulatur bewegen.

Als sie eines Tages zur Eigenmobilisation im Wasser war, erkannte sie: „Ich bin schmerzfrei, nahezu schwerelos und in meinem Element.“ Sie genoss die Schwerelosigkeit und begann in ihrer Heimat mit ihren ehemaligen Schwimmkollegen zu trainieren. ährend eines Kuraufenthaltes motivierte sie ein begeisterter Therapeut dazu, sich bei einem Schwimmwettkampf anzumelden. Und wieder ist es der Vater, der sie beim Training unterstützt. Als sie beim ersten Wettkampf, der deutschen Meisterschaft im Behindertensport, gleich mehrere Medaillen erhält, hat sich die ganze Mühe gelohnt. „Sobald ich im Wasser war und trainieren konnte, war ich wieder die Alte“, erzählt sie mit einem Glanz in den Augen. Es folgten die Paralympics 2004 in Athen, bei denen sie Gold, zweimal Silber und einmal Bronze erhielt. „Im Jahr 2005 stellte sie neun Welt-, elf Europa- und 15 deutsche Rekorde auf. Bei den Sommer-Paralympics 2008 in Peking gewann sie die meisten Medaillen im Team des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) mit Gold über 100 m Brust und Weltrekordzeit im Vorlauf sowie einer Silber- und drei Bronzemedaillen,“ – wie auf Wikipedia zu lesen ist. Kaum eine Sportlerin erhielt so viele Medaillen und auch Schwimmkollegin Franziska von Almsick ist begeistert, schreibt sie doch im Vorwort des Buches Kirsten Bruhns: „Ich finde, dass du eine unglaubliche Athletin bist. Was Du im Schwimmen erreicht hast, das habe ich in meiner zwölfjährigen Laufbahn trotz aller Anstrengungen nicht geschafft!“

Zappelino sprach mit Kirsten  Bruhn

Frau Bruhn, kann man denn ein größeres Lob bekommen?

Wohl kaum. Als ich es erstmalig las kamen mir die Tränen. Unglaublich schön und ich werde ihr niemals genug dafür danken können.

Woher haben Sie immer wieder die Motivation genommen?

Es war genau das, was mir Spaß machte und was mich nach vorne brachte. Damit meine ich nicht die Bestzeiten oder Medaillen. Ich meine einfach meine Selbstsicherheit und vor allem meine physische Stärke. Das half mir, im Alltag besser klar zu kommen und somit mit dem Leben im Allgemeinen.

Was hat Sie dazu gebracht, nicht aufzugeben, nicht zu zerbrechen, sondern immer wieder weiterzugehen?

Genau das, was ich in der Frage vorher beschrieben habe. Wenn du merkst, es hilft dir mental, psychisch und physisch, dann ist es einfach das Nonplusultra. Wieso sollte man da nicht weiter machen? Man wäre doch wirklich dumm, wenn man darauf nicht aufbaut und diesem roten Faden weiter folgt.

An was liegt es Ihrer Meinung nach, dass manche Menschen ihre Schicksalsschläge annehmen und andere nicht?

An der fehlenden Hilfe und Begleitung. Die Familie ist das WICHTIGSTE. Es folgen direkt die medizinische Versorgung, stationär und natürlich entscheidend die nachhaltige medizinische Betreuung. Das unterschätzen viele und vernachlässigen es.

Beim Schreiben des Buches kamen sicherlich viele Erinnerungen in Ihnen hoch, die bestimmt nicht einfach waren. War es die Mühe wert? Wenn ich heute die vielen positiven und schönen Feedbacks von den Lesern bekomme, weiß ich, es hat sich gelohnt.

Welche Hoffnungen setzen Sie in die Veröffentlichung Ihrer Biografie?

Dass meine Geschichte vielleicht helfen kann. Denen, die selber ein Schicksal erleiden und auch denen, die im Umfeld eines Betroffenen agieren und dann besser verstehen und vielleicht auch mehr wissen, wie sie sich verhalten können.

Hadern Sie noch immer mit Ihrem Schicksal?

Hadern ist nicht das richtige Wort. Akzeptieren werde ich meine Situation nie. Die vielen Erfahrungen Tag für Tag in meinem Leben sind oft sehr mühsam, erniedrigend und zeitraubend. Das nervt mich nach wie vor. Auch nach fast 25 Jahren noch. Da habe ich mal mehr und mal weniger Kraft und Nerven für. So ist es und so wird es wohl immer bleiben. Es gibt viel zu viele Menschen auf dieser Welt, die weder feinfühlig noch rücksichtsvoll sind und die sich so gar nicht reindenken in einen Menschen mit Handicap. Das ist sehr schade und macht allen das Leben eben schwerer als es sein müsste.

Welches war der schönste Tag in Ihrem Leben?

Da gibt es nicht nur einen. Es waren viele und das ist toll. Einer von ihnen war, als ich 2002 im November meinen ersten Weltrekord geschwommen bin. Es war mein Startschuss zu meinem richtigen Weg und meinem Flow. Dafür bin ich sehr dankbar. Vor allem meinen Eltern. Sie haben immer zu mir gehalten und mich bei allem unterstützt.

Gibt es etwas, dass Sie zutiefst vermissen?

Spontanität, einfach mal nicht nachdenken zu müssen, wie ich was als nächstes mache und vor allem, schneller die Dinge verrichten zu können. Hohe Schuhe tragen zu können. Keine Schmerzen zu haben. Tanzen….oh menno….wie sehr ich das Tanzen vermisse!

Viele Menschen sind unsicher, wenn sie Begegnungen mit Menschen mit Handicap haben und verhalten sich – häufig – unbeabsichtigt, nicht passend. Was würden Sie sich im Umgang miteinander wünschen?

Eben nicht diese Unbefangenheit, Unbekanntheit, Gehemmtheit und Verkrampftheit. Das ist so anstrengend und meist müssen wir mit Handicap alles lösen und enthemmen. Einfach mal nachdenken und auf Worte und Signale wirklich hören. Wenn das alle mal wieder mehr verinnerlichen würden, wäre es, glaube ich, weniger angespannt und kompliziert.

Bei Ihrem Vortrag kamen Sie natürlich auf das viel diskutierte Wort „Inklusion“ zu sprechen. Wie stehen Sie dazu? Gelingt Inklusion in den Kindergärten, Schulen und im Alltag?

Es funktioniert nur bedingt und noch viel zu wenig. Es sollten einfach alle sich vorstellen: wir sind eine große Familie. In der Familie nimmt man Rücksicht, Vorsicht und Nachsicht für die Kleinsten und Schwächsten. Man unterstützt sie, fördert sie und nimmt sich Zeit für sie. Warum funktioniert es nicht in größerer Gesellschaft? Das verstehe ich nicht. Unsere Gesellschaft ist so egoistisch und unnachsichtig. Das ist traurig und bedenklich für unser aller Zukunft.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass die Kinder mal wieder mit Regeln und Disziplin erzogen werden. Dass sie lernen, dass man füreinander da sein muss. Jeder kann die Welt ein Stückchen besser machen. Tag für Tag. Wenn das auch wirklich JEDER macht, ist Inklusion Realität und für alle erlebbar. Das wäre schön!

Buchtipp: Kirsten Bruhn: Mein Leben und wie ich es zurückgewann Verlag: Neues Leben; Auflage: 1 (29. Januar 2016) ISBN-10: 3355018449