Genüsslich schält Jannis die Mandarine, verteilt die ein-zelnen Stücke auf der Serviette und riecht an ihnen. Vorsichtig führt er ein Stück Richtung Mund, schleckt kurz daran um es dann wieder zurückzulegen. Der zierliche Junge aus Niedernhall entfernt die Schale der Mandarine aus Interesse am Schälen und wegen des Geruchs und nicht mit der Absicht, diese duftende Frucht zu essen. Denn Jannis hat mit seinen fünf Jahren noch nie etwas gegessen. Er wird seit seiner Geburt über eine Sonde ernährt, die er in seinem bunten Rucksack mit sich trägt – beim Spielen, beim Fahrrad fahren und beim Spazieren gehen. Kaum hat er das Interesse an der Frucht verloren, springt er auf und schnappt sich seine Sonnenbrille. Davor entfernt er sein CI, das ihn dabei stört. Sein CI, was für Cochlea-Implantat steht, ermöglicht dem kleinen, quirligen Kerlchen, der bei seiner Geburt mit einer durchtrennten Speiseröhre zur Welt kam, wenigstens auf einem Ohr etwas zu hören. Auf dem anderen Ohr ist er komplett taub, da keinerlei Gehörgang angelegt ist. Eine Laune der Natur – erfahren die Eltern von den behandelnden Ärzten. „Bereits in der zweiten Schwangerschaftswoche wurde im Ultraschall festgestellt, dass der Magen nicht zu erkennen war und man daher davon ausging, dass die Speiseröhre nicht zusammengewachsen sei. Außerdem war ein Loch im Herzen zu sehen. Dazu kam es, dass ich zu viel Fruchtwasser hatte. Wir haben uns bewusst trotz all der Schwierigkeiten für unser Kind entschieden“, erzählt die 26-jährige Mutter, die gemeinsam mit dem Vater insgeheim die Hoffnung hegte, dass die Realität anders aussehen würde.

Als dann der Geburtstermin näher rückte, stellte sich heraus, dass die Ärzte recht behielten. Neben dem Loch im Herzen sowie der nicht zusammengewachsenen Speiseröhre, war der Magen nicht mit dem Darm verbunden. Außerdem hatte Jannis einen Leistenbruch sowie eine defekte Niere, die entfernt werden musste. „Die Anfangszeit war extrem schwierig für uns, da Jannis fast ein ganzes Jahr im Krankenhaus lag und wir ihn aufgrund der Entfernung nur am Wochenende besuchen konnten“, erklärt der Vater. „Wenn meine Freundinnen von ihren Geburten berichten, wie schön das Gefühl war, nach der Geburt das Kind im Arm zu halten, kann ich nur sagen: Dieses Gefühl kenne ich nicht, da Jannis per Kaiserschnitt zur Welt kam und er bereits am 3.Tag nach der Geburt operiert werden musste“, so die junge Mutter. Aufgrund der zahlreichen OPs in den ersten Monaten wurde erst im Alter von zwei Jahren erkannt, dass Jannis nahezu taub ist und nun dank des CIs wenigstens auf einem Ohr etwas hört. „Wenn er es nicht wieder irgendwo hinlegt“, sagt Jannis Oma, die sich regelmäßig um den lustigen, kleinen Jungen kümmert, der jetzt mit einem Strohhut im Zimmer erscheint und sich keck im Kreis dreht. Mit Schalk in den Augen beobachtet er gespannt die Reaktion seines Publikums auf sein neues Outfit. Mit seinen kleinen Händchen fährt er über seinen Körper und deutet die Form eines Kleides an. “Willst du ein Kleid anziehen?“, fragt die Oma ihren kleinen Enkel. Er nickt wild, deutet auf die Tür und ruft “Opa, komm!“ Kurze Zeit später erscheint er mit einem blau gemusterten Kleid, das seinen ständigen Begleiter, den Rucksack, versteckt. Er verneigt sich theatralisch und ist glücklich über das Lachen der Erwachsenen. Und obwohl er nur wenige Worte sprechen kann, ist er in der Lage, sich zu verständigen. Mit Handbewegungen und Gesten zeigt er bestimmt, was er möchte. Auch seine ausdrucksvollen Augen lassen unschwer erkennen, wenn ihm etwas gefällt. Die ersten Jahre sind geprägt von zahlreichen Therapien und regelmäßigen Einsätzen des Pflegedienstes CareSolere, der nach wie vor zur Medikamentengabe und zur Sondenversorgung ins Haus kommt.

Seit einem Jahr wird er morgens regelmäßig abgeholt und nach Heilbronn in den Lindenpark Kindergarten für hörgeschädigte Kinder gebracht. „Er kann allerdings nur halbtags in den Kindergarten aufgrund seiner Sonde, die wir Jannis sobald als möglich entwöhnen wollen. Aber da er aufgrund seiner diversen OPs nach der Geburt keinen natürlichen Schluckreflex entwickeln konnte, ist er nicht in der Lage, Nahrungsmittel zu kauen und zu schlucken, auch wenn es jetzt organisch möglich wäre. Daher gehen wir regelmäßig zur Logopädie und Ergotherapie und stehen in Kontakt mit einem Arzt, der sowohl in Amerika als auch in Deutschland erfolgreich bei der Sondenentwöhnung unterstützt “, erklärt die Mutter, die ergänzt, dass Jannis im Kindergarten eine ebenfalls hörgeschädigte Begleiterin an seiner Seite hat, die ihn begleitet und ihm die Gebärdensprache beibringt. “Auch wir haben bereits einige Kurse in Gebärdensprache belegt, was allerdings gar nicht so einfach ist. Wenn du eine Sprache lernst, kannst du ein paar Wochen ins Land gehen und die Sprache praktizieren. Bei der Gebärdensprache ist das ja leider nicht möglich“, so der 27-jährige Vater. Mit großer Begeisterung fährt der Fünfjährige auf seinem Fahrrad mit Stützrädern durch die Siedlung, liebt es Ziegen zu füttern und hat keinerlei Scheu vor Tieren. „Egal ob Hunde oder Katzen – Jannis hat keinerlei Berührungsängste mit Tieren! Als ich ihn neulich mit zum Angeln nahm, schnappte er sich die toten Fische und erschreckte die Mädchen damit“, lacht der Vater, der mit Stolz auf seinen besonderen Sohn blickt. Mittlerweile hat sich das Zusammenleben mit dem kleinen, besonderen Jungen eingespielt und alle Familienangehörige haben große Freude an dem meist gut gelaunten Jannis, den sowohl sämtliche Freunde der Eltern und Großeltern sowie Nachbarn ins Herz geschlossen haben. Und auch ich kann mich an diesem Abend kaum trennen von dem herzigen Kerlchen, der immer wieder zu mir kommt, meine Hand nimmt und mich zum Abschied herzlich umarmt und drückt.