Stellen Sie sich eine erste Situation vor, wie folgt: Sie kommen in Ihrem Ort um die Ecke an die Hauptstraße und sehen, wie eine Frau in ca. 30 m Entfernung ein etwa 10- jähriges Kind mit der Hand an dessen Arm gepackt bei wenig Verkehr über die Straße zieht. Wie würden Sie die „Gewalt-Situation“ auf einer Skala von 1 -10 einschätzen? Eins bedeutet „man kann gerade mal von Gewalt sprechen.“ Zehn bedeutet „Kriegsähnlicher Zustand!“ Zweite Situation: „Sie kommen in der Fußgängerzone um die Ecke in eine sehr ruhige Seitengasse und sehen, wie ein Mann mit seinen Knien auf den Armen einer am Boden liegenden, mit den Beinen strampelnden Frau sitzt.“ Wie schätzen Sie diese Situation auf der Skala ein? Auf meinen Vorträgen zum Thema Gewaltprävention erhalte ich Antworten für die Situation 1 von 1-5. Für Situation 2 von 5-10. Allein hier wird deutlich, wie unterschiedlich Gewalt empfunden wird. Wenn es TeilnehmerInnen gibt, die in Situation 2 bereits die 10 zeigen, frage ich diese, wie sie es einordnen würden, wenn die Frau jetzt eine Ohrfeige bekommt? Da jedoch die Antworten immer sehr unterschiedlich ausfallen, lässt sich daraus schließen, dass gleiche Gewalt-Situationen unterschiedlich beurteilt werden. Und daraus ergibt sich allgemein eine wichtige Erkenntnis. Der oder die Betroffene entscheidet, wann es Gewalt für einen ist.

Was bedeutet, dass ein Kind, das davon spricht wie und was ihm angetan wurde ernst zu nehmen ist. Eine der schlimmsten Antworten, die wir als Erwachsene dem betroffenen Kind geben können, ist: „Das war doch gar nicht so schlimm.“ Oder „Stell Dich doch nicht so an.“ Hilfreich für das Kind ist, sich die Geschichte ganz anzuhören, ohne zu werten und ohne geschlossene Fragen zu stellen, wie: „Hat der Angreifer das so und so gemacht?“ Nach dem Hinhören kann man beispielsweise fragen, ob das Kind Hilfe möchte? Welche Lösungsvorschläge es hat, wenn dieselbe Situation wieder passieren würde? Dementsprechend kann man das Kind mit konkreten Handlungskompetenzen unterstützen und diese üben.

Sollten Sie Unterstützung benötigen, welche Reaktionen in unterschiedlichen Gewaltsituationen hilfreich sind, melden Sie sich in einer der zahlreichen Selbstbehauptungsschulen im Stadt- und Landkreis von Heilbronn oder schreiben Sie an j.wingerter@wt-franken.de oder rufen mich unter 07131 / 94 14 30 an. Eine gewaltfreie Zeit wünscht Ihnen 

Ihr Jörg R. Wingerter