Geht alles gar nicht!

Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können – Ein Interview mit Marc Brost und Heinrich Wefing

Mit Bewunderung beobachte ich junge, erfolgreiche Paare mit Kindern, denen es scheinbar mühelos gelingt, Kind, Familienleben und Karriere unter einen Hut zu bekommen. Nicht selten sind beide Eltern gut ausgebildet und wollen trotz Karriere nicht auf Kinder verzichten. Gab es bei der Geburt meiner drei Kinder kaum Möglichkeiten, sie vor ihrem 3. Geburtstag betreuen zu lassen,so können mittlerweile Kinder unter einem Jahr problemlos untergebracht werden und das selbst in ländlichen Gebieten. Auch soll die Elternzeit, die beide Elternteile in Anspruch nehmen können, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern. Seither sind Väter auf dem Spielplatz oder im Kinderturnen keine Seltenheit mehr und ich schaue voll Begeisterung auf diese Entwicklung. “Zum Glück werden es meine Kinder mal leichter haben als ich, die ich die ersten Jahre hauptsächlich nachts, als die Kinder schliefen, gearbeitet hat”, denke ich. Erst der Buchtitel “Geht alles gar nicht” von Marc Brost und Heinrich Wefing ließ mich aufhorchen. Konnte es sein, dass diese ehrgeizigen, gut situierten Eltern ihren Alltag – nämlich Kinder, Familie und Karriere – gar nicht mühelos stemmen, sondern häufig an ihrer Belastbarkeitsgrenze sind und unter permanentem Schlafmangel leiden? Das jedenfalls behaupten Marc Brost, Leiter des Hauptstadtbüros der ZEIT, und Heinrich Wefing, Mitglied der politischen Redaktion der ZEIT in ihrem neuen Buch, das im Frühjahr diesen Jahres im Rowohlt Verlag erschienen ist.

Zappelino sprach mit den berufstätigen Vätern über die Situation der Familien und insbesondere der Väter in Deutschland.

Als ich im Frühjahr die Ankündigung Ihres Buches per mail erhielt, stolperte ich über den Titel “Geht alles gar nicht” und ich fragte mich im ersten Moment: Können Sie sich nicht glücklich schätzen, zur ersten Generation zu gehören, die wirklich Gleichberechtigung leben darf?
Natürlich sind wir glücklich. Vor allem: Weil wir Väter sind. Unsere Kinder sind das Beste, was uns je widerfahren ist. Und natürlich sind wir froh, dass Gleichberechtigung heute wirklich gelebt werden kann und Frauen und Männer sich alles gleichberechtigt teilen. Nur bedeutet es eben auch, dass Väter jetzt erleben, was Mütter immer schon erlebt haben: Dass der Tag immer zu wenige Stunden hat. Dass die Arbeitswelt immer noch familienfeindlich ist. Dass es einfach verdammt schwer ist, alles zu vereinbaren – Kinder, Liebe und Beruf.

Hatten es unsere Eltern leichter?
Unsere Eltern hatten andere Sorgen, zumal in den Nachkriegsjahren, wo es um Hunger und Überleben ging. Wir wollen das auch gar nicht vergleichen. Aber jede Generation hat ihre eigenen Sorgen und Nöte. Und wir erleben nun mal eine beispiellose Verdichtung von Arbeit und Zeit. Zeitforscher haben herausgefunden: Wir schlafen weniger als jede Generation vor uns. Wir essen schneller. Wir bewegen uns schneller durch die Innenstädte. Wir lieben weniger. Wir sind die erste Generation, die sich in einer vollkommen globalisierten Arbeitswelt bewegt. Und das hat Folgen. Nicht umsonst sprechen Soziologen inzwischen von der “überforderten Generation.”

Wollten Sie mit Ihren Vätern tauschen?
Nein. Wir wollen aber, dass Frauen und Männer, Mütter und Väter, Feministinnen und Traditionalistinnen, Familienforscher und Politiker einander in die Augen sehen und bekennen: Wir wissen im Moment auch nicht, wie es gehen soll. Wir sind mit Entwicklungen konfrontiert, die wir so nicht vorhergesehen haben.

Haben die Elternzeit und die verbesserten Kinderbetreuungsmöglichkeiten nicht zur gewünschten Verbesserung der Situation berufstätiger Eltern beigetragen?
Leider nur zum Teil. Das Elternsein endet ja nicht nach der Elternzeit. Und eine Kita schließt auch irgendwann. Deswegen kommt es darauf, dass die Arbeitgeber den Müttern und Vätern wirklich entgegenkommen und ein viel flexibleres Arbeiten ermöglichen. Die betriebliche Realität sieht aber leider anders aus.

Wird offen über das Thema Vereinbarkeit oder wie Sie es in Ihrem Buch schreiben, über die “Vereinbarskeitslüge” gesprochen?
Eben nicht. Und das ist ja der Grund, warum die Vereinbarkeitslüge verfängt. Weil man als Eltern das Gefühl hat, nur in der eigenen Familie würde es nicht funktionieren und die anderen bekämen es schon hin.

Noch nie verbrachten Eltern so viel Zeit mit ihrem Nachwuchs wie heute, trotzdem haben die meisten das Gefühl, es ist nicht ausreichend. An was liegt das? Haben sich die Ansprüche in Vergleich zu unseren Eltern derart verändert?
Mag sein, dass die Ansprüche höher geworden sind. Aber das ist nicht der Hauptgrund. Wer sagt einem denn, ob man ein guter Vater ist? An wen kann man sich wenden? Ein Problem ist sicherlich, dass es für uns Männer auch kein Rollenmodell, kein Vorbild mehr gibt, an dem wir uns orientieren können. So wie unsere Väter wollen wir es nicht machen. Aber wie dann? Wir sind wie Pioniere, die Neuland betreten. Auch das trägt zur Unsicherheit bei.

Der “moderne” Mann von heute sollte im Beruf erfolgreich sein, Windeln wechseln können, mühelos ein leckeres Gericht zaubern können, Reifen wechseln und immer ein Ohr für die Sorgen und Nöte seiner Partnerin haben – ein All-round- Mann sozusagen. Schaffen Sie das?
Ganz bestimmt nicht.

In vielen Familien sind beide Elternteile aus ökonomischen Gründen berufstätig, denn zwei Kinder in Deutschland großzuziehen kostet heute im Durchschnitt ungefähr soviel wie 4 Kinder in der 60er Jahren. Ist unsere heutige Arbeitswelt denn überhaupt “familien- bzw. kinderkompartibel”?
Sagen wir mal so: Je mehr Deutschland zu einer Dienstleistungsgesellschaft wird, desto mehr Leute braucht es, die diese Dienste leisten. Gerade in diesen Berufen sind die Gehälter aber oft nicht sehr hoch, und Arbeitszeit endet auch nicht um 16 Uhr, wenn die Kita schließt. Viele Läden haben bis spät in die Nacht geöffnet, manche Supermärkte in den Großstädten sogar rund um die Uhr. Fragen Sie die Mütter und Väter, die dort arbeiten doch mal, wie ihr Familienleben aussieht!

“Man kann nicht einen sehr spannenden Job haben, sehr gut verdienen, Kinder haben, eine vollkommen funktionierende Familie und dann abends ausschauen wie Claudia Schiffer! ” stellt die ehemalige Siemens Managerin und österreichische Politikerin Brigitte Ederer in einem Interview fest. Aber genau das versuchen die meisten der berufstätigen Eltern. Warum existieren in unseren Köpfen derart hohe Erwartungen?
Weil es uns suggeriert wird. Genau das ist ja die Botschaft der Vereinbarkeitslügner in Wirtschaft und Politik: Ihr müsst Euch nur mehr anstrengen, dann schafft ihr das schon!

Die wöchentliche Arbeitszeit hat sich offiziell verringert und trotzdem leiden wir permanent unter Zeitmangel. An was liegt das? Inwieweit haben sich die Anforderungen im beruflichen Alltag geändert?
Die wöchentliche Arbeitszeit steigt inzwischen in vielen Branchen ja schon wieder an. Und wenn wir über Arbeitszeiten reden, dann müssen wir uns die Belastungen für die Familien insgesamt anschauen. Um 1965 hat ein verheirateter Mann etwa 48 Stunden pro Woche gearbeitet. Heute sind es im Schnitt 42 Stunden. Zugleich aber – und das ist der Unterschied zu früher – arbeiten sehr viele Mütter Teilzeit, etwa 30 Stunden pro Woche. Insgesamt beträgt die Zeit, die die Familie für die Arbeit aufbringt, also 72 Stunden – das sind 24 Stunden mehr als noch 1965. Diese Zeit fehlt anderswo.

82 Prozent aller Männer würden gerne Teilzeit arbeiten. Warum sieht die Realität gänzlich anders aus?
Das hat zwei Gründe: Erstens müssen in vielen Familien beide Elternteile Vollzeit arbeiten, damit die Familie finanziell über die Runden kommt. Weniger zu arbeiten ist da nicht drin. Und zweitens sträuben sich immer noch viel zu viele Betriebe gegen Teilzeitarbeit von Männern.

Was sollte sich in Ihren Augen verändern, dass sich Kinder, Liebe und Karriere besser vereinbaren lassen?
Wenn wir uns einig sind, dass die Rush hour des Lebens – die Zeit zwischen Ende 20 und Anfang 40, in der sich soviel ballt wie in keiner Generation zuvor – entzerrt werden sollte, dann geht das nicht ohne Zutun von Wirtschaft und und Politik. Dann reicht es nicht, nur über Wochenarbeitszeiten zu reden. Dann muss die Arbeitszeit über das Leben hinweg ganz an-ders organisiert werden. Wir wissen heute, dass wir alle im Alter sehr sehr viel länger werden arbeiten müssen. Und wir können das auch, sind im Alter viel aktiver und fitter als früher. Warum ist es also nicht möglich, zwischen 30 und 40 kürzerzutreten, und das weniger Gearbeitete dann später wieder aufzuholen?

Was können Sie jungen Paaren mit auf den Weg geben, die trotz all der Widrigkeiten den Wunsch haben, Kind und Karriere zu meistern?
Alle Momente mit Kind zu genießen, so widrig die Umstände auch sein mögen! Diese Augenblicke, wenn für ein paar Sekunden die Welt stehen zu bleiben scheint und alle Last von uns abfällt. Kinder zu haben bedeutet eben nicht nur: Stress, Stress, Stress. Es bedeutet auch: Glück, Glück Glück!

Das Buch und vor allem das Interview hat mich auf alle Fälle zum Nachdenken gebracht. Zum einen darüber, dass der Schein häufig trügt und zum anderen, dass ich – und vor allem auch meine Kinder – doch nicht so schlecht dran war damals. Litt ich zwar ebenso wie die berufstätigen jungen Eltern unter Dauerschlafentzug, da ich meinen Zappelino in erster Linie des Nächtens fertig stellte – meine Kinder waren in den Anfängen von Zappelino gerade mal 3, 7 und 8 Jahre alt und lediglich vormittags aus dem Haus – so konnte ich immer für sie da sein, wenn es nötig war und war selten auf Dritte angewiesen. Ich bin gespannt, wie es meine Kinder in Zukunft managen werden!