Hinter den Kulissen

Theaterpädagogik in der Freien Waldorfschule Heilbronn

Gespannte Stille erfüllt den großen Saal. Hinter dem Bühnenvorhang warten die Schüler und Schülerinnen gespannt und nervös auf ihren Auftritt. „Wie wird wohl das Publikum reagieren?“, fragt sich so mancher junge Schauspieler. „Hoffentlich klappt alles.“ Endlich geht der Vorhang auf und die jungen Künstler treten selbstbewusst und in ihre Rolle vertieft auf die Bühne.

Das Theaterspiel ist seit Anbeginn der Freien Waldorfschule Heilbronn fester Bestandteil des Schullebens. Bereits in der Unterstufe schlüpfen die ganz jungen Schüler und Schülerinnen in kleine Rolle und präsentieren ihr Erlerntes mit Stolz und Freude auf der Bühne vor Eltern, Familienangehörigen und der Schulgemeinschaft. Doch das Theaterspiel bietet noch viel mehr, als sich nur „zu verkleiden“. Es bietet eine Fülle an Möglichkeiten und Fähigkeiten, die der junge Mensch in seiner späteren Lebens- und Berufswelt benötigt, fächerübergreifend zu erforschen und zu erproben. So wird durch das Einstudieren eines Theaterstücks nicht nur die Ausdrucksfähigkeit und Sprachgestaltung gefördert.

Auch die Kreativität wird durch das Herstellen von Kulissen und Kostümen angesprochen, technische Fähigkeiten kommen bei der Beleuchtung und Bühnentechnik zur Anwendung. Die Schüler üben sich in Teamfähigkeit und Durchhaltevermögen beim gemeinsamen Proben des Stückes, um das gesetzte Ziel, eine gelungene Aufführung auf der Bühne, zu erreichen. Besonders das Klassenspiel in der 8. Klasse ist ein bedeutender Abschnitt.

Es ist ein Abschied vom Kindsein und zugleich Übergang ins Jugendalter

Damit in diesem besonderen Alter ein Theaterstück gelingt, ist es entscheidend, dass das Stück die vorherrschenden Themen der Klassengemeinschaft und der Reifeentwicklung widerspiegelt. Dadurch kann die Klassengemeinschaft sich besonders mit dem Stück identifizieren und sich bisweilen in den Handlungen wiedererkennen. Die Gemeinschaft wird dadurch gestärkt und die Begeisterung für die gemeinsame Ausarbeitung entfacht, die für die Durchführung nötig ist. Sowohl Verlässlichkeit als auch Verantwortungsbewusstsein werden hierbei als pädagogisches Ziel im Klassenverband, aber auch bei dem Einzelnen gefordert und gefördert.

Die Erprobung im Zwölftklassspiel spiegelt den Eintritt ins Erwachsenensein und gleichzeitig den Abschied von der Schulzeit wider. Neben den anstehenden Prüfungen und weiteren Verpflichtungen setzen sich die Schüler und Schülerinnen mit verschiedenen Stücken auseinander. Durch Gespräche und das Einbringen von eigenen Motiven wählt die Klassengemeinschaft selbstständig das Theaterstück aus.

Während beim Klassenspiel in der 8. Klasse die Einzelnen noch stark von der Klassengemeinschaft getragen wurden, geht es nun darum, einen individuellen Zugang zu der Gemeinschaftsaufgabe herzustellen und die Chance zu erkennen, sich in seiner eigenen Stellung in dieser Gemeinschaft neu zu definieren und zu entfalten. Selbstbewusstsein und das Vertreten der eigenen Meinung werden dabei ebenso gefördert wie Teamfähigkeit, Genauigkeit, Improvisationsfähigkeit, Fantasie und Kooperation.

Diese Kompetenzen sind wichtige „Erfahrungswerkzeuge“, die in unserem heutigen Berufs- und Lebensumfeld mehr denn je von Bedeutung sind. Gleichzeitig müssen die Schüler und Schülerinnen lernen, den eigenen Standpunkt vorübergehend aufzugeben, um den Charakter der Rolle durch die typischen Eigenheiten der zu spielenden Person überzeugend wiederzugeben. Das Publikum klatscht. Der Vorhang fällt. Hinter den Kulissen freuen sich die Schauspieler über den Erfolg.