Musik hilft heilen

Schon seit Jahrhunderten wird die Wirkung von Musik in allen bedeutenden Kulturen auf vielfältige Weise eingesetzt. Was früher intuitives Wissen und Erfahrung war, ist mittlerweile wissenschaftlich bewiesen: Musik beeinflusst nicht nur das seelische Empfinden und die Emotionen, sondern auch körperliche und geistige Vorgänge. So erzielt beispielsweise Professor Harald Schachinger, Chef der Frühgeborenenstation am Berliner Waldkrankenhaus, mit dem Einsatz von Musik bei der Entwicklung seiner kleinen Patienten große Erfolge. Er spielte ihnen über Kopfhörer speziell ausgewählte Musiktitel vor und stellte fest, dass der Herzschlag der Frühgeborenen wesentlich stabiler und gleichmäßiger wird. Eine unabhängige Untersuchung konnte zeigen, dass die Säuglingssterblichkeit im Waldkrankenhaus deutlich niedriger ist als in anderen Krankenhäusern.

Und auch viele Zahnärzte nutzen die positive Wirkung der Musik auf ihre Patienten, die eine geringere Ausschüttung von Stresshormonen bewirkt und die die Ausschüttung von schmerzkontrollierenden Betaendorphinen steigert. Zappelino sprach mit Musiktherapeutin Britta Nowatzke, die in Heilbronn- Biberach eine eigene Praxis hat und auch an verschiedenen Schulen sowie der Heilbronner Kinderklinik tätig ist.

Frau Nowatzke, haben Sie ähnlich positive Erfahrungen mit der Musiktherapie gemacht und wenn ja, können Sie uns Beispiele nennen?

Ja, wenngleich ich noch nicht in einer Zahnarztpraxis Musiktherapie gemacht und bisher auf der Neonatologie nur vereinzelt Patienten begleitet habe, kenne ich natürlich die entspannenden und stressreduzierenden Effekte der Musik. Musik wirkt ja immer auf mehreren, sich gegenseitig beeinflussenden Ebenen: der körperlichen, wie bereits oben von Ihnen in Beispielen beschrieben, der emotionalen/psychischen Ebene, die die meisten Menschen beispielsweise beim Hören ihrer Lieblingslieder wahrnehmen und schließlich der kognitiv- mentalen Ebene. Musik bindet unsere Aufmerksamkeit häufig über einen langen Zeitraum sowohl beim Hören, vor allem aber beim Spielen selbst, wodurch beispielsweise Schmerzen und negative Gedanken in den Hintergrund treten können. Oft höre ich nach einer intensiven Improvisation von Patienten Sätze wie: „Ich hab während der Musik kein einziges Mal an meine Probleme/ Schmerzen/etc. gedacht, sondern einfach nur gespielt.“

Sind gewisse musikalische Grundvoraussetzungen erforderlich?

Nein, gar nicht. Ich arbeite in der aktiven Musiktherapie größtenteils mit ganz leicht spielbaren Instrumenten, mit denen jeder Musik machen kann, der dazu Lust hat. Daneben gibt es ja auch die rezeptive Musiktherapie, bei der die Musik gehört wird und so auf den Patienten wirken kann und schließlich die Klangmassage, bei der die harmonisierenden Schwingungen der Musik durch am Körper anliegende Instrumente gespürt werden können.

Welche Instrumente kommen zum Einsatz?

Alles, was klingt! Von der Stimme, dem wohl ureigensten Instrument des Menschen, über das Schlagzeug und vielen Perkussionsinstrumenten, Klavier, Gitarre, einfachen Melodieinstrumenten, bis hin zu digitalen Möglichkeiten der Klangerzeugung kann alles dabei sein. Eine wichtige Rolle spielen auch die Klanginstrumente, die ich zur Entspannung und Klangmassage einsetze: das Körpermonochord, die Klangschalen und die Klangliege. Welche Instrumente wann eingesetzt werden hängt von den Vorlieben und den Möglichkeiten der Menschen ab, die zu mir kommen und kann immer wieder je nach Stimmung variieren.

Für wen eignet sich die Musiktherapie?

Für alle, die Lust darauf haben, sich auszudrücken, sich zu spüren und mit sich und anderen in Kontakt zu treten. Durch die vielen verschiedenen Möglichkeiten, die Musik einzusetzen gibt es nahezu keine Begrenzungen und nur wenige Kontraindikationen für Musiktherapie. Da das Hören einer der ersten und auch einer der letzten Sinne des Menschen ist, reichen die Einsatzfelder von der Schwangerenbetreuung und der Neonatologie bis hin zur Seniorenarbeit und der Sterbebegleitung. Ich arbeite vor allem mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit emotionalen und psychischen Problemen und mit körperlichen und/oder geistigen Behinderungen. Die Instrumente besitzen einen hohen Aufforderungscharakter, wodurch die Therapiemotivation auch bei sonst eher unmotivierten Patienten deutlich größer ist.

Besonders eignet sich die Musiktherapie ebenfalls für die Menschen, denen Sprache als Kontaktmedium nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung steht: Menschen mit Autismus, sehr jungen Kindern, Menschen mit erworbenen oder angeborenen Sprachdefiziten, Senioren im fortgeschrittenem Stadium der Demenz und natürlich Menschen aus anderen Kulturkreisen, die noch wenig Deutschkenntnisse besitzen. Bei all diesen Beispielen kann die Musiktherapie Begegnung und Kommunikation ermöglichen und Raum schaffen für Beziehung und Austausch.

Worin unterscheidet sich die Musiktherapie von anderen Therapieformen?

Zum einen sicherlich eben in der gerade beschriebenen Möglichkeit, sich ohne Worte auszudrücken und auszutauschen. Hier stellt sie ebenso wie andere Kreativtherapien (Kunsttherapie, Tanztherapie) eine wichtige Ergänzung zu Gesprächs- und Psychotherapien dar. Zum anderen kann der bewusste Einsatz von Musik einen viel leichteren Zugang zu den Emotionen schaffen, als kognitive Verfahren. Das ist besonderes in der psychotherapeutischen Arbeit sehr wichtig, in der die Musik häufig als Brücke zwischen der psychischen und kognitiven Ebene fungiert. Fast alle Menschen kennen das Phänomen, dass Musik emotionale und körperliche Reaktionen hervorruft, aus dem Alltag (z.B. Gänsehaut oder Rührung beim Hören bestimmter Lieder).

In der Musiktherapie gibt es zusätzlich die Möglichkeit, die eigenen Gefühle musikalisch darzustellen und das auszudrücken, wofür man keine Worte findet. Das ist häufig eine sehr berührende und befreiende Erfahrung. Und nicht zuletzt darf die Musiktherapie auch einfach Spaß machen. Das ist mir besonders in Einsatzbereichen wichtig, in denen die Patienten selbst bestimmen sollen, wie weit sie sich inneren Prozessen (schon) öffnen können, z.B. auf der onkologischen Station der Heilbronner Kinderklink.

Infos:

Britta Nowatzke ,
Johann- Strauß-Straße 16,
Heilbronn
Tel. 07066/911 509
www.musiktherapie-heilbronn.de