Hi und guten Tag,

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

kannst du mich hören? Hier rauscht das Bachwasser so stark und plätschert gegen die großen Kieselsteine. Ich sitze auf einem besonders runden Stein, der weit aus dem Wasser herausschaut. Von hier aus habe ich einen guten Rundumblick. Stell dir vor, in diesem sprudelnden Bach bin ich vor etwa fünf Jahren auf die Welt gekommen. Okay, nicht direkt hier, sondern etwas weiter unten. Meine uralten Eltern leben beide noch in ihrem Revier. Ich bin in diesem schönen Tal geblieben, musste aber etwas weiter nach oben ziehen. Oh, kennst du mich überhaupt? Nein? Dann muss ich mich noch vorstellen: Ich heiße Wassara, die Wasseramsel. Wie du lesen kannst und schon von mir gehört hast, lebe ich am Wasser. Ja, nur am Wasser, tagein und tagaus, das ganze Jahr über und so lange ich lebe. Mit den bunten, am Bachlauf angrenzenden Wiesen und dem Fichtenwald kann ich nichts anfangen. Mein Leben spielt sich am  klaren sprudelnden Bach ab. Je turbulenter das Wasser sich seinen Weg nach unten sucht, desto interessanter ist es für mich.

Du wirst es kaum glauben, was ich alles im Wasser vollbringen kann. Ich kann den Kopf ins Wasser stecken, schwimmen kann ich auch, untertauchen und auf der steinigen Sohle des Baches kann ich …? Rate mal, was ich kann? Dass ich auch fliegen kann, versteht sich ja von selbst. Ach ja, ich bin übrigens der einzige Singvogel, der schwimmen und tauchen kann. Na, was sagst du dazu? Was du noch wissen solltest: Meine Körpergröße ist etwas kleiner und rundlicher als die einer Amsel, die du sicherlich kennst. Auf die Waage bringe ich bis zu 80 g. Mein Schwanz ist sehr kurz, meine Kehle und die Brust sind weiß, aber durch ein rostrotes Band von meinem schiefergrauen Bauch getrennt. Mein Rücken und die Seiten sind ebenfalls schiefergrau und mein Oberkopf und Nacken braun. Wenn du mich sehen möchtest, dann kannst du es in jedem Dorf versuchen. Stell dich auf eine Brücke und such mit dem Fernglas den Bachlauf ab. Achte auf weiße Kotflecken auf den Steinen, die aus dem Wasser schauen. Entweder laufe oder sitze ich am Uferrand direkt an der Wasserkante. Was ich aber noch viel lieber mache, ich sitze mitten auf dem Wasser auf einem Stein. Wenn ich dann noch kleine Knickse vollführe, dann siehst du eine Wasseramsel. Aber aufgepasst, ein kleiner gelber Vogel mit langem wippenden Schwanz, heißt Gerda, die Gebirgsstelze.  He, ich muss dir noch erklären was ich im Bachbett auf dem Grund mache. Oder weißt du es?  Ja natürlich Futter suchen: Nämlich die Larven von Köcherfliegen, Eintagsfliegen und Steinfliegen.

Aber auch Würmer, Wasserasseln und Spinnentiere. Im Winter suche ich Bachflohkrebse, kleine Schnecken, Strudelwürmer oder ganz selten erwische ich auch mal ein kleines Fischchen. Das Überleben am Wasser ist gar nicht so einfach. Ich glaube, es war vor drei Jahren, der Winter war sehr kalt und frostig. Der Bach und die Steine waren mit einer dicken Eisschicht überzogen. Da konnte ich nicht länger bleiben. Ich musste von hier weg. Vielleicht hinunter in das Tal, um einfacher Futter zu finden? Aber auch dort war es kalt und eisig. So wanderte ich einfach weiter, bis die Bäche kein Eis mehr hatten. Im Januar bin ich dann wieder in mein altes bekanntes Tal zurückgewandert. 

Übrigens trage ich einen Ring am Fuß. Einen kleinen leichten Aluminiumring, der mich gar nicht stört. Auf diesem steht eine Nummer drauf. Nein, das ist nicht mein Hochzeitsring. Den Ring habe ich von einem Vogelkundler verpasst bekommen, einem Vogelberinger. Also eigentlich ist es ein Vogelforscher, der den Vögeln einen Ring um den Fuß legt. Weißt du genau warum? Wenn der Vogel mit dem Ring wieder gefangen oder abgelesen wurde, kann man sehen, wie lange der Vogel den Ring trägt. Das ist also ein Hinweis auf das Alter. Und man kann sehen, welche Entfernung der Vogel zwischen dem Anlegen des Rings und dem Wiederfund zurückgelegt hat. Tatsächlich bin ich in meinem Überwinterungsgebiet in ein Netz geflogen. Das war über dem Bach aufgespannt. Erst dachte ich, es wäre ein Vogeljäger. Aber nein, es war ein Vogelberinger! Ganz behutsam und vorsichtig hat er mich aus dem Netz genommen und in seiner Hand hat er meinen Ring abgelesen, dann in den Computer reingeschaut und ganz laut: „Das gibt’s nicht!“ gerufen. Ähm, und das sage ich jetzt mit ein bisschen Stolz: Anhand meines  Ringes konnte er nachweisen, dass ich 612 km weit gewandert war. Wow! Das ist doch eine Leistung, oder? 

Oh ich höre ein tiefes „zerrb, zerrb, zerrb“ und das trotz des Wasserrauschens. „Hörst Du mich?“ ruft er.

Ich muss zu ihm. Bis bald am Wasser!  

Viele Grüße deine Wassara, die Wasseramsel

Ein Beitrag von Ralf Gramlich, Orni-Schule, Schomberg, 75050 Gemmingen, Fon 07267/83 83, www.ORNISchule.de

Bildautor: Dr. Dietrich Pfeilsticker  + Ralf Gramlich