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Wenn Eltern mit ihrem Kind/ihren Kindern eine Familientherapie aufsuchen, dann wird das Verhalten des Kindes oft als problematisch, schwierig, auffällig oder gar störend beschrieben. Dies kann sich in Schulängsten, Trennungsängsten, Einnässen, aggressivem Verhalten, Essstörungen, Zwängen und vielem anderem mehr, äußern.  Das heißt, das Problem, weswegen die Familie kommt, wird von den Eltern in erster Linie manchmal im Kind gesehen. Die Familie als System fühlt sich mit dem problematischen Verhalten des Kindes oft hilflos und überfordert und möchte verständlicherweise das Problem oder Symptom am liebsten sofort loswerden. Aber ein Problem/Symptom verschwindet nicht einfach so, oftmals hat es im Familiensystem eine Berechtigung und eine wichtige Bedeutung.

Das symptomatische Verhalten des Kindes kann als Lösungsversuch einer problematischen Situation, als Signal, dass hier in der Familie etwas nicht im Lot ist, gesehen werden. Das „Sorgenkind“ oder das „schwarze Schaf“ der Familie tut, unserer Erfahrung nach, oft etwas für die Familie. Häufig versucht das Kind etwas auszugleichen, was in ein Ungleichgewicht geraten ist. Die Hauptfunktion besteht meist darin, die Familie zusammenzuhalten, auf welche Weise auch immer. Kinder tun dies unbewusst aus ganzer Liebe zu den Eltern und weil schließlich ihre Existenz davon abhängt. 

So versucht ein Kind die Konflikte der Eltern zu lösen, indem es z.B. sich weigert in die Schule zu gehen,  dabei morgens über Übelkeit klagt und sich an die Mutter klammert und nicht von ihr weg will. In der gemeinsamen Sorge um das Kind rücken die Eltern dann automatisch wieder näher zusammen. Das unbewusste Ziel für das Kind ist erreicht.

Kinder sind die Seismographen der Familie und besonders sensibel für die Gefühlslage der Eltern. Sie merken sofort, wenn die Eltern versuchen ein Gefühl zu überspielen oder sich nicht kongruent zu ihren Worten verhalten. Eltern nehmen also allein durch ihre eigene Gefühlslage, ihre innere Klar- oder Unklarheit starken Einfluss auf ihre Kinder. Je unbewusster sie dies tun, desto unkontrollierter sind die Auswirkungen. Kinder erspüren, was das Leben ihrer Eltern ausmacht, auch deren „blinden Flecken“. Kinder hören einfach immer sehr gut auf das, was nicht gesagt wird…

In der Familientherapie wird nicht nur mit dem Symptom des Kindes gearbeitet, (z.B. die Schulangst des Kindes, die Magersucht oder die Aggression), sondern mit der Familie als Ganzes. Im Vordergrund steht die Familiendynamik, d.h. es geht um die – meist unbewussten – Beiträge der Familienmitglieder, die das Symptom aufrechterhalten, es vielleicht sogar verursachen. Das Kind, der Symptomträger wird gewissermaßen aus dem „Rampenlicht“ gerückt. Dabei wird auch versucht die Etikettierung des Kindes, z.B. das „aggressive“ Kind, herauszunehmen. Eltern haben in der Notsituation oft kein Bewusstsein mehr dafür, dass sie nicht nur ein „Kind mit Symptom“ haben, sondern auch ein aufmerksames Kind, ein lustiges Kind, ein kreatives Kind, ein neugieriges Kind usw. Deshalb ist es wichtig, den Eltern zu helfen, wieder einen erweiterten Blick auf ihr Kind zu werfen. Das führt häufig zu einem entkrampften Umgang zwischen Kind und Eltern, und damit schon zu den ersten Erleichterungen.

Wenn Eltern erkennen, dass das Kind oft für sie eine große Last schultert und die Schwierigkeiten zunehmend als Familienproblem wahrgenommen werden können, dann kann Veränderung stattfinden. Es geht aber nicht um die Frage, wer „Schuld“ hat, sondern „Was kann jeder für sich selbst, was können wir gemeinsam tun, damit sich unsere Beziehungen und unsere Kommunikation zum Besseren verändern?“ 

Letztendlich soll es zu einer Veränderung des familiären Beziehungsgefüges und der dort ablaufenden Muster kommen, sodass sich das System Familie selbst neu organisieren kann und das Symptom des Kindes nicht mehr als „Opfergabe“ für die Stabilität der gesamten Familie entrichtet werden muss. Mithilfe der Fokussierung auf die positiven Kräfte, die sogenannten Ressourcen der Familie, kann ein erster Schritt entstehen, das Gleichgewicht der Familie wieder herzustellen.

Infos: Ute Heddergott, Kristina Rudolph und Dr. Jorina Talmon-Gros, Praxis für systemische Einzel-, Paar- und Familienberatung und Supervision