Waldpädagogik ist das perfekte Pendant zur schnelllebigen Zeit

Seit Anfang diesen Jahres gibt es in Neckarmühlbach einen Waldkindergarten. Idyllisch unterhalb der Burg Guttenberg und neben dem Mühlbach gelegen, treffen sich jeden Tag Waldkindergartenkinder, um den Tag gemeinsam im Wald zu verbringen. „Der junge Mensch braucht seinesgleichen – nämlich Tiere, überhaupt Elementares: Wasser, Dreck, Gebüsche, Spielraum.

Man kann ihn auch ohne dies alles aufwachsen lassen, mit Stofftieren, Teppichen, auf asphaltierten Straßen und Höfen. Er überlebt es, doch man soll sich dann nicht wundern, wenn er später bestimmte soziale Grundleistungen nicht lernt.“

Alexander Mitscherlich (1965)

Viele Dinge gibt es dort zu bewundern, schon am Anfang des Tages beim gemeinsamem Lauf zum Kindergartenplatz werden Schnecken entdeckt, neue Blumen bewundert und manchmal auch Blindschleichen gesichtet. Der Tagesablauf hat eine feste Struktur, sodass jeder Tag wiederkehrende Elemente hat, an denen sich die Kinder orientieren können.

Der Waldkindergartenplatz beherbergt einen Waldkindergartenwagen, welcher den Kindern und Erzieherinnen Schutz und Wärme an regnerischen und kalten Tagen bietet. Neben einem Waldsofa und einem Sitzkreis gibt es auf dem Platz eine große Wiese und ein kleines Rinnsal, das sich Bärenbrunnen nennt. Das abwechslungsreiche Waldstück bietet sich zum Spielen und Erforschen an.

Während der Freispielzeit haben die Kinder die Möglichkeit, ihre eigenen Stärken auszuweiten, Neues zu entdecken und gemeinsam zu gestalten. Dies geschieht aus eigenem Antrieb und mit eigenem Tempo. Die Erzieherinnen verstehen sich als Wegbegleiterinnen, die Entdecktes vertiefen oder auch auf Neues aufmerksam machen. Dies alles in der Ruhe und der Weite der Natur zu erleben ist eine der großen Stärken der Waldpädagogik. In der heutigen Zeit der Termine, der Zeitnot und der hektischen Welt ist es besonders wichtig, Kindern einen Ort der Ruhe zu verschaffen. Während es in der Generation der Großeltern und Eltern noch normal war, draußen zu spielen und „echte freie Zeit“ zu verbringen, wird heute immer mehr verplant und organisiert. Langeweile wird aus den Kinderzimmern verbannt, Kreativität wird immer weniger gebraucht.

Für die Motivation, die aus den Kindern selbst sprießt, fehlt ganz oft die Muse und der Raum und wird mit vorgefertigten Programmen überlagert. Dabei ist es genau diese Motivation, die intrinsische Motivation, die es dem Menschen ermöglicht zu lernen. Nur wenn der Mensch selbst es will und dazu bereit ist, kann er Neues verinnerlichen. Im Wald sind die Kinder und Erzieherinnen besonders aufeinander angewiesen. Mithilfe, Gruppenzugehörigkeit und Verlässlichkeit sind immens wichtig. So sind viele Vorhaben der Kinder ohne die Hilfe anderer nicht realisierbar. Ganz abgesehen davon, dass die Abenteuer alleine auch nicht so viel Spaß machen (Hütten bauen, Klettern, Schatzsuche, Bach stauen, Rollenspiele). arüber hinaus haben aber auch alle eine Beobachterrolle intus.

Die Großen schauen, dass die Kleinen die Gebietsgrenzen kennenlernen, die Kleinen passen auf, dass die Großen sich an die Regeln halten. So wird eine soziale Gemeinschaft wie von selbst aufgebaut und jede/r trägt hierbei seinen Teil dazu bei. Und ganz „nebenbei” werden die motorischen, die sprachlichen, die sozialen Fähigkeiten trainiert. Die Bewegung hilft dem Körper sich gesund zu entwickeln und dem Gehirn, sich zu vernetzen und die Synapsen auszubilden. Gemeisterte Wagnisse und bestandene Herausforderungen stärken das Selbstbewusstsein.

In der Schul- und Berufswelt wird es immer wichtiger, eine selbstständige, selbstbewusste Persönlichkeit zu sein, die kreativ ist und um die Ecke denken kann; die aus eigenem Antrieb Neues lernen möchte; die teamfähig ist, aber trotzdem Mitarbeiter leiten kann; die es gelernt hat, Konflikte anzusprechen, für ihre Ziele kämpft aber trotzdem erkennt, dass manches einfach so nicht funktioniert. Solche Werte werden im Waldkindergarten täglich spielerisch geschult.

Ein Grund mehr, warum es immer mehr Kindergärten dieser Art gibt. Es lohnt sich, sich ernsthaft mit dem Thema „Waldkindergarten“ zu beschäftigen.

Infos: www.waldkindergarten-hassmersheim.de