Wie spirituelle Erziehung Familien stärkt


Ein Interview mit dem Buchautor und Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge

Der erfolgreichste christliche Autor weltweit, Anselm Grün, und Deutschlands bekanntester Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge weisen in ihrem gemeinsamen Buch “Kinder fragen nach Gott – Wie spirituelle Erziehung Familien stärkt“ Wege, wie Erziehung mit Herz, Verstand und Zuversicht gelingt. Sie zeigen auf, was Spiritualität in Familien bewirken kann und wie sie Menschen begleitet und hilft, sich in der Unübersichtlichkeit des Lebens zurecht zu finden.

Zappelino sprach mit Jan-Uwe Rogge über die Frage, wie spirituelle Erziehung Familien stärkt.

Ich wurde in den letzten Wochen immer wieder auf das kommende Sonderthema „Wie spirituelle Erziehung Familien stärkt“ angesprochen und habe gemerkt, dass viele Menschen Spiritualität mit Esoterik in Verbindung bringen. Stößt man tatsächlich auf so viele Vorurteile, wenn es um Spiritualität geht?
Nein. Manche setzten Spiritualität mit Religiosität gleich und für manche ist der Begriff zu wenig fassbar. Spiritualität als Begriff gibt es ja viel länger als die esoterische Diskussion. Die Spiritualität gehört zur abendländischen, humanistischen Tradition und ist wesentlich älter als die Esoterik, deshalb kann man diese beiden Begriffe nicht gleichsetzen.

In der christlichen Tradition werden die drei spirituellen Haltungen Glaube, Liebe und Hoffnung als die wichtigsten angesehen. Welche Bedeutung haben sie für die Erziehung?
Diese drei Begriffe sind aus der Bibel entnommen und durch-ziehen immer wieder die Kapitel der Bibel. Glauben beinhalten sowohl den Glauben an sich als auch den Glauben an das Kind. Es bedeutet, seinen eigenen Stärken sowie den Stärken des Kindes zu vertrauen und ihm etwas zuzutrauen.

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Warum sind  Geschichten und Helden für Kinder so wichtig?

Die Bibel gewinnt ihre Faszination aus der Sammlung an wunderbaren Geschichten, die es ermöglichen, seine eigenen Fantasien hineinzuprojizieren. Geschichten erzählen immer Abenteuer. Sie leben von Helden, die ausziehen, sich zu bewähren, um nach der Reise wieder gestärkt zurück zu kommen. Das ist im Grunde genommen die Geschichte des Kindes. Das Kind, das auszieht, das sich auch bewähren muss und gestärkt wieder zu seinen Eltern zurück kehrt, um dann nochmals auszuziehen. Die Entwicklung eines Kindes ist immer Abschied nehmen, Auszug in das Unbekannte, Neubeginn, was seine Persönlichkeit stärkt.

Welchen Stellenwert haben Rituale?

Rituale haben deshalb einen hohen Stellenwert, weil das Leben sozusagen ein Leben in Übergängen ist. Ganz viel ist im Fluss. Das Kind, was sich aus den Armen der Mutter fortbewegt, braucht ein Ritual. Es muss etwas mit in die Welt nehmen, zum Beispiel den Teddybär, die Puppe oder die Wolldecke. Das Ritual schenkt dem Kind Vertrauen, Geborgenheit und Sicherheit. Sie rhythmisieren das Leben und besonders Kinder brauchen einen guten Rhythmus, um heranwachsen zu können. Auch die Natur lebt im Rhythmus. Wer die Natur mit ihrem Rhythmus nachahmt, dessen Leben gelingt. Kinder sollten lernen, sich in den Rhythmus der Natur einzuschwingen. Dann leben sie gesund und kommen in Berührung mit den Kräften.

Welche Bedeutung haben Schutzengel für die Kinder und für die Eltern?

Schutzengel sind quasi „Übergangsobjekte“. Sie sind immer da und geben dadurch dem Kind das Gefühl von Sicherheit und Schutz. Sie vermitteln ihm, du bist nicht alleine, wir behüten dich, aber du musst schon ein Stück weit auf dich selber aufpassen. Der Glaube an den Schutzengel soll das Kind nicht vertrauensselig machen oder zu wagemutig, als ob es gar nicht mehr auf sich selbst aufzupassen bräuchte. Schutzengel sind eingebunden in die Rituale. So kann beispielweise eine Mutter ihrem Kind beim Verabschieden im Kindergarten ein Kuss auf die Stirn mitgeben und sagen: „Du schaffst das!“

Nicht nur Kinder lernen von ihren Eltern. Sie sprechen davon, dass Erziehung eine „beglückende, spirituelle Dimension erhält, wenn man Kinder auch als Lehrer begreift“.

Was können wir Eltern von unseren Kindern lernen?

In der Literatur findet man immer wieder geschrieben, dass Kinder unsere Lehrmeister sind.

Einer der bekanntesten und wichtigsten, der das sagte, war

beispielsweise Gandhi. Und auch im Matthäus Evangelium steht geschrieben: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …“
Man kann von ihnen Spontaneität, Kreativität, Konkretheit, Anschauung und natürlich auch ein Stück weit Anarchie lernen, nicht aufzugeben und immer etwas zu versuchen.

An das Kind glauben heißt, an den guten Kern in ihm zu glauben. Indem man an den guten Kern in ihm glaubt, hilft man ihm, das Gute, das Einmalige in sich zu entwickeln. Glauben heißt, den Reichtum des Kindes zu entdecken und dafür dankbar zu sein.
Hoffnung hat etwas damit zu tun, nicht schwarz zu sehen sondern hellsichtig bzw. vorsichtig zu sein. Vorsichtig nicht im Sinne von ängstlich sondern im Sinne von Zutrauen, dass es mir schon gelingen wird. Wir hoffen beim Kind auf das, was wir nicht sehen. Denn die Hoffnung bringt das Unsichtbare zum Vorschein. Sie ist eine Kraft, die eine Bewegung im Kind auslöst. Nur wenn die Eltern den Kindern Hoffnung vermitteln, können sie leben und das entfalten, was in ihnen steckt.
Liebe ist ein immer wieder in der Pädagogik gebrauchter Begriff. Pestalozzi hat einmal gesagt: Erziehung ist Vorbild und Liebe. Damit meinte er nicht nur, das Kind zu lieben, sondern zunächst einmal die Liebe als Selbstliebe. Natürlich nicht im Sinne vom Egozentrismus, sondern darin,  sich selbst zu akzeptieren, wie man ist.

In Ihrem Buch zitieren Sie den amerikanischen Theologen und Psychologen John Bradshaw, der sagt „Kinder sind von sich aus spirituell und folgen der natürlichen Haltung “Ich bin, der ich bin.“ Wie können Eltern diese Haltung stärken?

Jedes Kind ist einzigartig, jedes Kind kommt als Persönlichkeit in die Welt. Wichtig ist, das Kind in seiner Persönlichkeit, in seiner Individualität zu fördern. Das heißt, das Kind nicht nach seinen Vorstellungen zurechtzubiegen oder zu formen, vielmehr es anzunehmen, wie es ist. In der indischen Philosophie gibt es dazu das Bild von einem Gärtner. Jeder Gärtner weiß, dass jede Pflanze unterschiedlich ist. Er weiß, dass es Pflanzen gibt, die viel Sonne oder Wasser  brauchen und welche, die wenig Sonne oder Wasser brauchen. Genauso ist es mit den Kindern. Jedes Kind ist einzigartig und die Aufgabe der Eltern sollte sein, diese Einzigartigkeit des Kindes anzunehmen und zu unterstützen.

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Wichtig ist auch das Magische, das Staunen zu behalten und nicht alles auf die Rationalität zu begrenzen.

Achtsamkeit ist ein Kennzeichen der Spiritualität. Warum ist gegenseitige Achtsamkeit in Ihren Augen  unabdingbar in der Kinderziehung?

Achtsamkeit ist generell wichtig, nicht nur in der Kindererziehung. Achtsamkeit heißt aus der Sicht der Eltern: Ich achte mein Kind, ich beachte mein Kind  und auch sorge umgekehrt dafür, dass ich geachtet und respektiert werde. Die Gegenseitigkeit ist ausgesprochen wichtig und keine Einbahnstraße.

Sie schreiben in dem Kapitel „Erfahrungen ermöglichen“ darüber, wie wichtig die Bewegung für Kinder ist. Können Sie das kurz erläutern?

Renate Zimmer hat ein wunderbares Buch mit dem Titel „Toben macht schlau“ geschrieben. In dem Wort „Bewegung“ steckt das Wort „Weg“ drin, was bedeutet: Ich mache mich auf den Weg, ich packe etwas an, ich mache etwas Neues. Wer sich  bewegt, der spürt sich, er spürt seinen Körper, lernt, bei sich zu bleiben. Von daher ist Bewegung das Zentralste überhaupt. Sie ist Ausdruck der wichtigsten Entwicklungsaufgabe. Die größten Probleme, die wir heutzutage mit Kindern haben, liegen im körperlich-motorischen Bereich, weil viele Kinder „stillgelegt“ oder pädagogisch überformt bewegt werden. Wenn ich Bewegung reduziere, dann lege ich letztendlich Entwicklung still. Dem Kind jeden Weg zu lassen ist eine ausgesprochen wichtige und notwendige Erziehungshaltung.

Viele Psychologen meinen, dass die Beziehungslosigkeit die Krankheit unserer Zeit ist.

Warum ist Beziehung so wichtig?

Ich halte von solchen Allgemeinsätzen überhaupt nichts, da sie immer mit einer gewissen Vorwurfshaltung den Eltern gegenüber einhergehen. Das Anliegen unseres Buches ist es, den Eltern nichts vorzuwerfen, sondern darauf zu achten, was Kinder brauchen aber auch was man richtig macht. Erziehung ist immer Beziehung. Ich kann nur erziehen, wenn ich in Beziehung bin. In Beziehung steckt Bindung, was heißt, ich nehme dich so an, wie du bist, ich akzeptiere dich so, wie du bist, mit all deinen Gefühlen, mit all deinen Persönlichkeitsanteilen. Das halte ich für ausgesprochen wichtig.
Übrigens gibt es nicht nur die Beziehungslosigkeit, sondern auch die Überbehütung. Jene Eltern, die ihre Kinder nicht loslassen, sie ständig und rund um die Uhr nach ihrem Willen formen. Das ist ein genauso großes Problem wie die erwähnte Beziehungslosigkeit.

Gibt es die „richtige“ Erziehung? Was können Sie verunsicherten Eltern abschließend mit auf den Weg geben?

Was ich wichtig finde, ist, zu sich selber zu kommen, auf seine Stärken zu achten und bei aller Notwendigkeit des Verstandes die Intuition nicht zu vergessen.